In der Nacht, in der in ganz Deutschland die Synagogen brannten, war ich mit meinem Bruder allein zu Hause. Unser Vater Ludwig, war bereits ein Jahr zuvor von Nazis ermordet worden, meine Mutter lag im Krankenhaus. An jenem 10. November, in den frühen Morgenstunden, läutete die Türklingel schrill und ohne Unterbrechung. Ich hörte dumpfe, starke Schläge gegen die Tür, Schreie und regelrechtes Gebrüll: „Aufmachen, sofort Aufmachen.“ Noch heute, 70 Jahre nachdem dies alles geschehen ist, dröhnen diese Worte in meinen Ohren. Mein Bruder, der Ältere, damals immerhin schon 17 (ich war gerade 13), öffnete die Tür. Sofort schob sich ein Fuß in unsere Wohnung, die Tür ließ sich nicht mehr schließen. „Sind Sie Juden?“ fragte eine Stimme, und als wir das bejahten, begannen fünf SA Männer, in unsere Wohnung zu stürmen, schlugen auf meinen Bruder ein, zerschmetterten, zerstörten, zerbrachen, zerrissen und zerschnitten alles, was sie in der Wohnung finden konnten: Bilder, Teppiche, Bücher, Schränke, Geschirr, Lampen. Sie stahlen Geld und den Schmuck meiner Mutter, sie stahlen sogar meine „Tefillin“, meine Gebetsriemen. Dann, endlich, verschwanden sie wieder, mein Bruder und ich blieben völlig verängstigt in der verwüsteten Wohnung zurück.
Am nächsten Morgen, als wir uns im Morgengrauen auf die Straße trauten, sahen wir, dass es überall Jüdinnen und Juden ergangen war wie uns, dass Geschäfte zerstört, Wohnungen verwüstet und die Synagoge angezündet worden war. Wenig später hatte ich das große Glück, einen Platz in einem der Kindertransporte nach Palästina zu ergattern. Glück, dass meine Familie nicht hatte: Meine Mutter starb 1940 am „Medikamentenmangel“ im jüdischen Krankenhaus in Fürth, mein Bruder wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Professor Meir Schwarz
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