Professor Meir Schwarz     Bernhard Lichtenberg     Dr. Herbert Poensgen


Sieh ens, die hann och Jüdde em Huus


Wenn ich als Kind in meinem Bett lag, vor allem in Tagen der Krankheit, schwirrte mein Blick durch die Räume und es verbreitete sich das Gefühl, dass in diesen Räumen mehr war als die Möbel, die schwere, grob gemusterte Tapete und die Ruhe des Augenblicks. Sie schwiegen, die Räume meiner Kindheit und aus dem Schweigen wurde ein Verstummen. Aber das Verstummen sagt wiederum mehr als das Schweigen. Ich habe den stummen Schrei gehört oder nur erahnt oder gar gefühlt. Und der stumme Schrei erzählte seine Geschichte, und die ist wahr, wahrer als alle anderen Geschichten. Und ich atmete die gleiche Luft, die die Juden in unserem Haus geatmet haben, und ich hörte die gleichen Kirchenglocken, die umsonst mahnten, die unzähligen Kirchenglocken, die in Deutschland in jüdische und christliche und atheistische Ohren gleichsam drangen. Doch diese Kirchenglocken sind es, die bei den meisten Christen auf taube Ohren stießen. Und die Juden dachten, sie, die Christen können doch nicht so taub sein, als dass sie sich nicht vom Anruf ihrer Glocken als hörbare Zeichen ihrer Glaubensgeschichte anrühren lassen. Sie werden uns doch am Wege liegen sehen, wenn sie zur Kirche schreiten, sie hören doch unsere Schreie und die Vernichtungsschreie des Führers und seiner Schergen gegen uns. Sie sehen doch in unsere Gesichter und erkennen die Fragen, die Angst, den Schmerz, der sich in unseren Gesichtern zeigt. Sie haben doch unsere Synagogen brennen gesehen und die Zerstörungen an unseren Wohnhäusern. Und die Juden dachten, wenn sie, die Christen noch die Glocken läuten in diesen Tagen, dann kann es doch nicht so weit her sein mit der Bedrohung, dann werden sie auch ihre Ärmel aufkrempeln und sagen Nein, im Namen der Glocken, der Kirchenglocken, es geht kein Transport nirgendwo hin. Nicht hier und nicht mit uns, so lange unsere Glocken läuten.
Denn die Glocken, sie sind nur hier zu hören, und sie sollen weiter von allen gehört werden. Die Juden hatten sich an die Glocken gewöhnt und sich wohl gefühlt im Klang der Glocken, denn selbige erinnerten sie daran, dass es da noch Menschen gab, die in der Erfahrung ihres Gottes Jahwe, der sie aus der Gefangenschaft Ägyptens geführt hatte, zwar in Abwandlung, aber in der jüdischen Tradition, den gleichen Gott verehrten, wenn auch in Variationen.
Das machte sie so sicher, dass diejenigen, die sich auf Abraham berufen und im Kirchenlied von Abrahams Schoß sangen, dass die alles dafür geben würden, sie zu beschützen, da wo sie nun gerade waren.
Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen Ausspruch Dietrich Bonhoeffers, der ebenfalls ins Vernichtungslager musste: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“. Doch sie werden schnell erkennen, dass es nicht die Christen waren, die sich aus der gemeinsamen Glaubensgeschichte verpflichtet sahen, für die Juden zu schreien oder die gar wegen ihrer Solidarität mit den jüdischen Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern sie ins Konzentrationslager begleiteten. Nein, es waren Kommunisten, also Atheisten, die allen voran in die Lager gingen. Trotzdem verstummten die Glocken nicht, auch als der Transport nach Düren ging, wurde wie an jedem normalen Tag geläutet, die Christen sollten erinnert werden, den Angelus zu beten oder von der Arbeit auf dem Feld heimzugehen. Aber es wurde nicht Sturm geläutet, die Leute zusammengeläutet: Kommt und seht und wehret den Anfängen. Nein, das geschah nicht. Die Glocken verstummten erst als sie zur Kriegswaffenproduktion 1943 nach Hamburg entführt wurden, um eingeschmolzen zu werden. Und im Gegensatz zu den jüdischen Glaubensgeschwistern überlebten die Hochkirchener Glocken ihre Deportation. 1947 fuhr Hans Brand mit seinem LKW nach Hamburg um die Hochkirchener Glocken, die der Vernichtung entgangen waren, zurück an ihren heimatlichen Ort zu holen. Jahrzehnte später wiederum entdeckte man in der katholischen Kirche die Macht des Geläutes und läutete lange und ergiebig für die verlorenen und abgetriebenen Föten dieser Gesellschaft. Ein kleines Sturmgeläut damals, 33, 38, 41, 42, 43, 44 hätte manchem gut getan und aufhorchen und innehalten lassen, jene, die auf dem Weg von A nach B und ihn und sie am Wegrand liegen sahen und natürlich Besseres zu tun hatten als das, was gerade zu tun gewesen wäre. Da lagen sie am Wegrand und standen und warteten im Angesicht der läutenden Glocken, dass sich einer solidarisierte oder erkenntlich zeigte oder half oder den Mund aufmachte. Doch jene gingen dem Geläut der Glocken folgend in die sicheren Mauern ihres Gotteshauses und priesen Gott, obwohl sie ihn gerade auf dem Weg verraten hatten.
Geradezu grotesk, dass irgendwann die Schergen selbst ihnen die Glocken weggenommen haben, um sie einzuschmelzen für Waffen und zum weiteren Todesgeläut.
Auch mich schreckt das Läuten nicht mehr auf. Ich lebe weiter, als gäbe es nicht den Ruf des Läutens noch die Menschen, die unter die Räuber gefallen sind.

Dr. Herbert Poensgen, 2005


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